Ein Plädoyer für die Branche: „Wir müssen gemeinsam mehr Position beziehen!“
Beim 6. Deutschen Vermögensverwaltertag in Ettlingen hält VuV-Vorstand Andreas Grünewald ein starkes Plädoyer für die Branche. Es folgt seine Begrüßungsrede im Auszug.
Andreas Grünewald · 11/22/2019

Politisch und weltwirtschaftlich erleben wir auch weiterhin bewegte und spannende Zeiten – wobei die Schlagworte fast unverändert geblieben sind: Brexit, Handelsstreit, globale Umbrüche, Digitale Revolution begleiten uns nun schon seit einigen Jahren. Hier bietet uns allen der DVT heute wieder eine ideale Plattform, um uns persönlich untereinander umfassend auszutauschen und Orientierung in der immer schnelllebigeren Welt zu bekommen. Mir bleibt an dieser Stelle leider immer nur ein kurzes persönliches Zeitfenster zum Markt, aber ich kann es kurz machen und meine Kernaussage der ersten fünf DVTs unverändert wiederholen. Unsere Welt ist nach meiner festen Überzeugung besser als es die meisten glauben. Die Krisen nehmen wir prominent wahr, doch ganz Vieles läuft einfach normal bis gut und unspektakulär ab – weshalb darüber nicht berichtet wird.

Seit dem ersten Deutschen Vermögensverwaltertag im November 2014 konnte der DAX von 9.200 Punkten auf aktuell gut 13.000 Punkte und somit um mehr als 40 Prozent beziehungsweise 7,3 Prozent pro Jahr zulegen. Unterm Strich wächst seit dem Jahre 2012 unsere Weltwirtschaft relativ unspektakulär mit rund drei Prozent pro Jahr – und somit fast ideal, sprich nicht zu stark, als dass die Notenbanken massiv und zügig handeln müssten oder sich ausgeprägte Lohn-Preis-Spiralen bilden und nicht zu schwach für eine weiterhin gute Ausgangslage der internationalen Konzerne.

Branchenseitig geht es uns auf der einen Seite nicht zuletzt Dank dieser positiven Entwicklungen und auch der zunehmenden Bekanntheit unserer Dienstleistungen durchaus gut. Auf der anderen Seite kämpfen wir weiterhin gegen die wachsende Bürokratie, zu nennen ist hier zuvorderst natürlich MiFID II aber auch die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und für 2020 das Thema Nachhaltigkeit. Jede einzelne Anforderung mag für sich genommen sinnvoll und schulterbar erscheinen. Aber in der Summe ergibt sich ein wahnsinnig aufgeblähter, kaum noch überschaubarer Wust an europäischen und nationalen Vorschriften, welcher für uns kleinere Institute geradezu absurde Züge trägt.

80 Prozent der unabhängigen Vermögensverwalter in Deutschland beziehungsweise unserer Verbandsmitglieder sind familiengeführte Unternehmen, welche weniger als 400 Millionen Euro verwalten und fünf bis 15 Mitarbeitende haben. Aber wir benötigen einen Datenschutz-Beauftragten, Compliance-Officer, Informationssicherheitsbeauftragten, Beschwerdemanager, Geldwäsche- und Betrugspräventionsbeauftragten, Innenrevisor, Risikocontrolling-Beauftragten sowie Single Officer. Man fragt sich, wann hat der Unternehmer noch Zeit für seine Kernaufgaben Portfoliomanagement und Kundenbetreuung? Gleichzeitig werden unsere Kunden mit Informationen überflutet, die Kosten steigen, die Standardisierung nimmt zu und die Beratung ab. Eine Nachbesserung ist hier dringend geboten! Für uns gilt es gemeinsam gegenüber Politik, Aufsicht und unseren Wirtschaftsprüfern klar und deutlich die Themen Proportionalität und Subsidiarität zu adressieren!

Natürlich begrüßen und bekennen wir uns klar zum Anlegerschutz. Es muss aber bei einer ehrlichen, volkswirtschaftlichen Bilanzierung des Mehrwerts der Regulierung nicht nur auf die Verhinderung der Schadensfälle abgestellt werden – am wenigsten gibt es Schadensfälle, wenn gar kein Geschäft mehr stattfindet – sondern auch auf den wirtschaftlichen Schaden und insbesondere das reduzierte Angebot für die Anleger durch die verminderte Unternehmertätigkeit!

Sie kennen mich als Optimist – aber ich mache mir mittlerweile große Sorgen um Europa! Visionäre Pläne Asiens und insbesondere Chinas sowie Trumps Amerika First treffen auf ein – bezogen auf die großen Zukunftsthemen – sorry, weitgehend planloses EU-Parlament. Europa hat nur rund zehn Einhörner, sprich Unternehmen, welche jünger als zehn Jahre und bereits mehr als eine Milliarde US-Dollar wert sind – die USA sowie China jeweils über 150. Deutschland hat mit SAP nur noch ein Unternehmen unter den Top-100-Unternehmen der Welt, Frankfurt ist aktuell aus den Top 10 der Weltfinanzplätze herausgefallen und steht nur noch auf Platz 15! Was ist unser Masterplan für Infrastruktur, Welthandel, Schlüsseltechnologien, Bildung, Kinder, Umweltschutz? Wer stellt diesen auf? Und wer vertritt diesen gegenüber den USA und China? Wir halten uns mit Themen wie Brexit, DSGVO, ständigem Wahlkampf und einer immer stärker ausufernden (europäischen) Überregulierung auf...

Wir akzeptieren unglaublich viel – zu viel: An der Kasse und im Internet bestätigen wir regulatorisch geforderte Dokumente, die wir aus Zeitgründen noch nicht einmal gelesen geschweige denn verstanden haben. Wir müssen umfassende Dokumente für alle unsere Tätigkeiten erstellen, aber die EU-Staaten können hochriskante 30-, 50-, ja sogar 100-jährige Staatsanleihen ohne Verkaufsprospekte herausgeben. Die BaFin konstatiert jetzt, dass die Insolvenzversicherungen der Reiseanbieter zu gering sind, uns ist aber untersagt die Mandanten darauf hinzuweisen, dass das viel bedeutsamere Einlagensicherungssystem markant unterfinanziert ist und damit für Sachanlagen zu werben. Lebensversicherungen, die zu über 90 Prozent in Anleihen, zumeist Staatsanleihen, investieren, werden steuerlich gefördert – während einer privaten Altersvorsorge mit Aktien die Transaktionssteuer droht und auch Fonds die Steuerfreiheit nach der Spekulationsfrist genommen wurde. Wir müssen hier gemeinsam mehr Position beziehen!

Teilen Sie diesen Artikel:

Auf dieser Webseite werden Nutzungsdaten durch uns und eingebundene Dritte erfasst und ausgewertet, u.a. mittels Cookies. Weitere Informationen – auch zu den Möglichkeiten diese Verarbeitung zu unterbinden - finden Sie HIER.