Thomas Mayer kritisiert keynesianisches Modell

Dem keynesianischen Modell fehle ein elementares Stück der Wirklichkeit. Das Flossbach von Storch Research Insititut nennt vier weitere Fakten, die das Modell obsolet machen.

Tim Habicht · 11/04/2019

Seit über 70 Jahren gehört das keynesianische Modell in der Wirtschaftsliteratur zu einer der führenden Kapitalmarkttheorien. In diesem Modell ist die gesamtwirtschaftliche Nachfrage die entscheidende Größe für Produktion und Beschäftigung. Deswegen werden für die fallenden Zinsen sogenannte Ersparnisschwemme in einer alternden Gesellschaft verantwortlich gemacht. Ein großer Fehler, wie Thomas Mayer, Leiter des Flossbach von Storch Research Institutes, in einer aktuellen Analyse feststellt.

„Modellschätzungen sind nur so gut wie die Modelle die Wirklichkeit abbilden. Den Modellen der keynesianischen und neoklassischen Schule fehlt ein elementares Stück der Wirklichkeit, nämlich der Banken- und Finanzsektor“, sagt Mayer in einer Pressekonferenz im Rahmen der Frankfurter Standort-Eröffnung des Kölner Vermögensverwalters.

Modelle der österreichischen Schule würden den Banken- und Finanzsektor berücksichtigen. Sie heben die Rolle der Zentralbanken für Übertreibungen auf den Finanzmärkten und den Verfall der Zinsen hervor. Mayer erklärt: „Die seit den 1980er Jahren gefallenen Zinsen resultieren aus asymmetrischen Zinspolitiken: In der Krise werden die Zinsen stark abgesenkt, während sie in der Erholung nach der Krise nicht entsprechend angehoben werden. Daraus entsteht eine Kreditschöpfung von Banken, die zunehmend Finanzinvestitionen statt reale Investitionen finanziert. Die durchschnittliche Grenzleistungsfähigkeit der Investitionen sinkt.“



Vier Thesen im Faktencheck

Mayer stellt in diesem Kontext die Frage, wer den Zins umgebracht habe. Dabei sei in der rund 500-jährigen Zinsgeschichte kein Zeitpunkt festzustellen, in dem die Zinsen bei null oder sogar im negativen Bereich lagen. Dass die Umstände, also beispielsweise zu viele Sparer und damit zu wenige reale Investitionen, die Zinsen entsprechend drücken würden, sei ein gravierendes Problem der keynesianischen Theorie.

Mayer liefert in seiner aktuellen Analyse mit dem Titel Das Zinsrätsel vier Theorien im Faktencheck. Die These, dass in einer alternden Bevölkerung erhöhte Anstrengungen zur Altersvorsorge eine Ersparnisschwemme augelöst haben soll, sei empirisch nicht belegbar. Es bestehe in den OECD-Ländern keine Korrelation zwischen der Alterung von Gesellschaften und einer Zunahme der Ersparnisbildung der Haushalte.

„Die These, dass ein strukturell schwachses Wirtschaftswachstum die Grenzproduktion des Kapitals - und damit den Zins - verringert hätte, ist für wichtige Industrieländer durch die Fakten nicht gedeckt. Die Grenzproduktivität des Kapitals ist für die USA, Japan und Deutschland konstant. Nur in China ist ein Absinken von einem hohen Niveau erkennbar”, so Mayer.

Nach oben gedrückt wurden hingegen die Vermögenspreise durch die niedrigen Zinsen. Die Investitionstätigkeit sei von realen Investitionen weg und hin zu Finanzinvestitionen verschoben worden. Zudem würden niedrigere Zinsen den Spielraum für eine höhere Verschuldung eröffnen.


Kritik an Zentralbanken

Aber haben die weltweiten Zinssenkungen der Notenbanken nicht für ein größeres Wirtschaftswachstum gesorgt? Mayer widerspricht deutlich und sagt: „Die niedrigen Zinsen haben nach der Finanzkrise das Wachstum geschwächt, indem sie Anreize zu Finanzinvestitionen auf Kosten von Realinvestitionen gegeben haben. Im Vergleich zu Finanzinvestitionen sind die Realinvestitionen als Anteil am BIP zurückgegangen. Mangelnde Strukturanpassungen (Stichwort Zombifizierung) haben die durchschnittliche Kapitalproduktivität verringert.”

Schwächeres Wachstum des Kapitalstocks habe zu einem Rückgang des Wachstums der Arbeitsproduktivität geführt und damit zu geringerem Reallohnwachstum und damit zu geringerer Konsumentenpreisinflation. „Der Kreis schließt sich, wenn die Zentralbanken auf schwache Inflation mit niedrigen Zinsen reagieren. Stark schwankende Vermögenspreise destabilisieren die wirtschaftliche Entwicklung. Wachsende negative Verteilungseffekte führen zu einer gesellschaftlichen und politischen Destabilisierung”, sagt Mayer.

Die Schlussfolgerung der Analyse liegt auf der Hand: Die Stagnation der Weltwirtschaft sei nicht von der Geschichte vorgegeben, sondern von der Wirtschaftspolitik selbst verursacht. „Nur das Ende der Zinsmanipulation durch die Zentralbanken kann das Wachstum wiederbeleben. Der Kreditzins ist der wichtigste Einzelpreis in einer Volkswirtschaft. Er hat eine Allokations- und Signalfunktion. Es ist eine Anmaßung von Wissen, wenn Zentralbanken den Zins bestimmen wollen. Sie würden der Gesellschaft besser dienen, wenn sie die Zinsbildung den Märkten überlassen würden.”


Weitere Artikel zu diesem Thema

Märkte

Der Fondsmanager der Boutique TBF warnt vor dem Platzen der Rentenblase und positioniert seinen Fonds deswegen aktuell am kurzen Ende.