Krise in Argentinien: Lutz Röhmeyer stockt Peso-Position auf
Die Heads of EMD von Nordea AM und LGIM positionieren sich hingegen neutral. Eine Diskussion.
Tim Habicht · 09/05/2019

Die Wirtschaftskrise in Argentinien spitzt sich derzeit zu: Das Land hat den Devisenhandel eingeschränkt, die Inflationsrate beträgt mehr als 55 Prozent und der Peso verlor seit Mitte August ein Viertel seines Wertes. Alles Reaktionen auf das Ergebnis der Vorwahlen vom 11. August, die Präsident Mauricio Macri überraschend hoch gegen Alberto Fernandez verloren hat. Ist Argentinien jetzt für das Portfolio eher eine Chance oder ein zu großes Risiko? Drei Fondsmanager diskutieren im Gespräch mit Fundview.

„Wir sehen in Argentinien derzeit eher Chancen. Obwohl noch nicht einmal gewählt wurde, ist ein Machtwechsel in Argentinien mit seinen möglichen negativen Auswirkungen bereits von den Märkten eingepreist. Der Rückstand von Macri ist zwar groß, aber auch nicht uneinholbar. Der Kapitalmarkt brach stärker ein als im Jahr 2001, und die Währung gab über 30 Prozent nach. Bei Anleihen findet derzeit eine gravierende Neubewertung des Risikos statt”, sagt Lutz Röhmeyer von der Berliner Fonds-Boutique Capitulum AM.

Röhmeyer hat in seinem Capitulum Weltzins-Invest-Fonds die Peso-Position durch Zukäufe nach der Abwertung antizyklisch erhöht. Die durch Abwertung auf zwei Prozent gefallene Gewichtung wurde jetzt mit dreistelligen Ablaufrenditen wieder auf drei Prozent aufgestockt.

Wegen Vorwahlen reduziert

Anders beurteilt Thede Rüst, Head of Emerging Markets Debt beim Asset Manager Nordea AM, die Situation in Argentinien. Er hat das Exposure gegenüber Argentinien vor den Vorwahlen reduziert und die Gewichtung auf neutral gesetzt. „Im aktuellen Marktumfeld würden wir argentinische Fremdwährungsanleihen sogar eher untergewichten”, sagt Rüst. Dafür fehlen voraussichtlich aber die Impulse bei den anderen großen Investoren, die teilweise sehr viel in den vergangenen Wochen verloren haben und nun entsprechend ihre Quoten nicht weiter abbauen werden.

Eine ähnliche Strategie hat auch Uday Patnaik gewählt. Er ist Head of Emerging Market Debt bei Legal & General Investment Management (LGIM) und hat vor den Vorwahlen seine Gewichtung bezüglich Argentinien reduziert. „In Argentinien waren wir Anfang 2019 übergewichtet. Ende Juni reduzierten wir unser Portfolio gegenüber Argentinien auf neutral; genau wegen der Vorwahlen. Umfragen und Vorwahlen sind immer schwer zu lesen und zu interpretieren und oft sehr unübersichtlich. Deshalb haben wir das Risiko reduziert”, so Patnaik.

Wirtschaftlicher Selbstmord mit dem Wahlzettel

Zentral in der aktuellen Diskussion um Argentinien ist ein möglicher Staatsbankrott. Die Erwartungen für einen Zahlungsausfall des Landes in den kommenden fünf Jahren liegen derzeit bei 80 bis 90 Prozent. „Insofern wurde quasi über Nacht ein Staatsbankrott bei ausstehenden Fremdwährungsanleihen eingepreist. Die harsche Marktreaktion auf das Wahlergebnis hat auch die Argentinier selbst schockiert, so dass man sagen könnte, dass das Land mit dem Wahlzettel wirtschaftlichen Selbstmord begangen hat”, sagt Röhmeyer.

Rüst bewertet die Wahrscheinlichkeit eines Staatsbankrotts ebenfalls bei 80 bis 90 Prozent in den kommenden fünf Jahren. „Argentinien war in diesem Jahr eine der häufigsten Übergewichte bei Portfoliomanagern. Das Ergebnis der Vorwahlen war zweifellos ein Schock! Die Märkte sind sehr besorgt, dass Macri nicht aufholen und verlieren wird”, sagt Patnaik, der die Wichtigkeit der laufenden IWF-Kredite in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar herausstellt: „Wenn es dort keine weitere Zusammenarbeit oder Vereinbarung gibt, wird es für Argentinien sehr schwierig. Meiner Meinung nach sind weder Macri noch Fernandez bestrebt, den IWF-Deal in irgendeiner Weise zu beenden. Das IWF-Geld ist für Argentinien einfach zu wichtig. Argentinien verfügt nur über begrenzte alternative Finanzierungsquellen.”

So weit blickt Röhmeyer nicht in die Zukunft. In der aktuellen Übergangsphase bis zur finalen Wahl sieht er die Währung des Landes relativ stabil. Somit ließen sich allein von August bis Dezember Anleiheerträge von 40 Prozent mit dem Peso generieren. Seiner Meinung nach wird der IWF das Land weiter stützen und ebenso wenig einen Staatsbankrott anstreben wie die mögliche neue Regierung.

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