CEO von ESG-Research-Anbieter: „Kein Konsens über nachhaltige Investments“

Philipp Aeby ist CEO vom nachhaltigen Research-Haus RepRisk. Im exklusiven Fundview-Interview spricht er über eine Branche im Wandel und warum Asset Manager ESG oft noch als Marketing sehen.

Tim Habicht · 08/26/2019

  • Die ESG-Industrie ist erst am Anfang; Standards müssen erhöht werden
  • Ratlosigkeit in der Branche durch unterschiedliche Research-Ergebnisse
  • Portfolio-Risiken lassen sich durch ESG minimieren und ESG-Alpha erzielen
  • Das Management im Asset Management will noch oft vom ESG-Marketing profitieren; das werde sich aufgrund des Kundendrucks aber ändern

Philipp Aeby ist seit fast zehn Jahren CEO beim nachhaltigen Research-Haus RepRisk. Im exklusiven Fundview-Interview gibt der ESG-Experte kritische Einblicke in bestehende Strukturen der ESG-Industrie sowie einen Ausblick für die Asset-Management-Branche: Denn wer ESG nur aus Marketing-Zwecken in seine Produkte integriere, werde Probleme mit seinen Kunden bekommen.


Philipp Aeby ist seit Januar 2010 CEO von RepRisk. Davor war er Managing Partner bei Ecofact und unter anderem bei der Boston Consulting Group tätig. RepRisk ist ein weltweit führender Dienstleister in der Datenwissenschaft, spezialisiert auf Premium-ESG- und Business-Conduct-Risikoforschung sowie quantitative Lösungen.


Nachhaltige Investments und ESG-Fonds sind stark im Wachstum. Aber inwiefern ist dieses Wachstum derzeit überhaupt selbst nachhaltig?

Das stimmt! Die Nachfrage nach ESG-Investments, -Strategien und -Research ist in den vergangenen Monaten unglaublich gestiegen. Denn ESG ist bei institutionellen Investoren zur Bedingung geworden. Darauf müssen sich viele Asset Manager noch richtig einstellen und teilweise eben auch umstellen. Allerdings stehen wir trotzdem noch immer am Anfang einer großen und nachhaltigen Entwicklung innerhalb der Investment-Branche. Die Industrie ist sich derzeit nämlich noch unklar darüber, wie ESG-Daten konkret und sinnvoll genutzt werden sollen. Das ist auch daran erkennbar, dass viele ESG-Ratings von unterschiedlichen Research-Häusern untereinander nicht korrelieren. Dadurch entsteht eine gewisse Ratlosigkeit innerhalb der Branche.


Findet in der Asset-Management-Industrie momentan also ein ernsthafter Paradigmenwechsel statt oder wird ESG weiterhin eher nur als möglicher Zusatz gesehen?

Nachhaltigkeit gab es eigentlich schon immer im Asset Management. Allerdings ist der aktuelle ESG-Begriff deutlich catchiger. Aber Themen wie die Bezahlung der Mitarbeiter oder wie oft die Mitarbeiter eines Unternehmens streiken waren immer schon Themen für die Investment-Welt. Denn dadurch lassen sich Risiken bei den Investments ausfindig machen. Neu ist im Grunde aktuell nur das Wording und die konkrete ESG-Industrie, die sich daraus gruppiert hat. Es gibt allerdings noch immer keinen Konsens über nachhaltige Investments und die Kriterien, die dafür in Anbetracht gezogen werden müssen.


Das heißt im Grunde, dass die ESG-Industrie aktuell mehr Schein als Sein ist?

Natürlich ist die aktuelle Entwicklung bezüglicher nachhaltiger Investments und die große mediale Aufmerksamkeit positiv und eine insgesamt tolle Entwicklung. Aber klar ist auch, dass die ESG-Industrie erst am Anfang der Entwicklung steht und teilweise die Standards deutlich erhöht werden. Das gilt auch für die Wissenschaft, für die Regulierung, für die Research-Häuser und schlussendlich auch für die Asset Manager. Das Angebot wird allen voran bei den Rating-Agenturen immer größer. Vor allem dort muss eine Professionalisierung stattfinden. Denn eine einzige Zahl kann nicht die Nachhaltigkeit eines Unternehmens belegen. Diese Art der ESG-Ratings wird bald der Vergangenheit angehören. In Zukunft werden Investoren genau definieren welche Bereiche sie auf Nachhaltigkeit innerhalb eines Unternehmens analysiert haben möchten. Diese individuellen Wünsche müssen auch die Research- und Rating-Häuser abbilden können. Das lässt sich beispielsweise durch gewisse Quant-Tools erzielen.



Ein Quant-Tool, wie es RepRisk beispielsweise anbietet?

Mitunter ja. Wir analysieren global über 125.000 Unternehmen und haben derzeit Kunden wie die UBS, First State oder auch verschiedene US-Quant-Investoren und globale Hedgefonds. Durch die Analyse von externen Daten erstellen wir ein Risikoprofil der jeweiligen Firmen und fungieren dadurch sozusagen als Due Dillegence für die Asset Manager bezüglich der Firmen. Dadurch lassen sich zum einen Risiken minimieren und zum anderen lässt sich dadurch sogenanntes ESG-Alpha erzielen.


Risiken minimieren und Alpha erzielen. Klingt für Asset Manager extrem hilfreich und sinnvoll. Aber ist ESG aktuell noch immer mehr Marketing für Asset Manager oder nehmen die Unternehmen das wirklich ernst?

Beides. Das Portfoliomanagement nimmt nachhaltiges Investieren oft sehr ernst. Die Management-Seite der Asset Manager will aber oftmals noch immer eher von der Marketing-Seite profitieren und dadurch mehr aktive und höhermargige Produkte verkaufen. In Zukunft werden wir nicht nur einige gesonderte ESG-Strategien innerhalb der Asset Manager sehen, sondern ESG und Nachhaltigkeit werden komplett im Asset beziehungsweise Portfoliomanagement integriert sein. Die Prozesse müssen von Anfang bis Ende komplett nachhaltig umgestellt werden. Denn für Asset Manager müssen die Etiketten auf den Produkten auch stimmen. Wenn das nicht der Fall ist und ESG beziehungsweise Nachhaltigkeit nur als Marketing-Faktor genutzt wird, dann merkt das der Kunde.


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